Sierra - Schnecke
Es wird Zeit, dass ich mich nach fast zehn Jahren meinen Gefühlen stelle und Sierra eine "richtige" Seite gebe. Über SIERRA:
Im Tierheim stand AIDA Fundhund auf dem grünen Zettel an der Zelle, die sie sich mit einem jungen Dobermannmix teilte. Sie kauerte in der hinteren Ecke, ich sah zunächst nur die enormen Fledermausohren, dann traf mich der Blick aus todtrtaurigen tiefdunklen Bambiaugen mitten ins Herz. Und sie stand auf, kam ans Gitter und versuchte meine Hand zu lecken. Ich wußte augenblicklich, dass wir zueinander gehörten. Die Welt hörte für diesen Moment auf zu existieren. Es gab nur diesen weißen Mondhund und meinen Herzschlag. Nach einiger Überredungskunst meinerseits durfte sie mit uns kommen. Sie stank so erbärmlich, dass ich sie zu Hause sofort in die Badewanne hob und wusch, was sie ruhig über sich ergehen liess. Aber als ich später in der Küche ihre Haare fortfegen wollte, stürzte sie sich auf mich und biss schreiend in den Besen. Auch im Grunewald kam es noch oft zu ähnlichen Situationen, wenn wir einen grossen Stock aufhoben. Sie glaubte dann, wir wollten sie schlagen. Ich werde diese durch Mark und Bein gehenden Schreie nie vergessen und ihre Verzweiflung. Auch hatte sie in den ersten Wochen fürchterliche Albträme. Wir hätten sie gerne mit zu uns ins Bett oder auf die Couch genommen, aber das wollte sie nicht. Also schliefen wir bei ihr auf dem Fussboden, um sie jederzeit streicheln zu können.
Sierra war eine grossartige Hündin, treu, unbestechlich, sanft und lieb. Sie war einmalig. Nein, perfekt war sie nicht. Wir haben etliche böse Hündinnenbeissereien mit ihr erlebt. Mit Anuschka, der jungen Rottweilerhündin; beide kamen gleichzeitig beim von uns damals so absolut dämlichen Menschen geworfenen Ball an...mit Cindy, der alten Rottweilerhündin, die Hündinnen waren nebeneinander ins Platz geschickt worden und die Flanken hatten einander kurz berührt... Und da war sie ja schon alt; ich möchte mir lieber nicht vorstellen, was sie mit anderen Hündinnen in ihrer Jugend gemacht hat. Wobei es stets um ihre geliebten Bälle ging...Rot mussten sie sein, unbedingt. Hatte ich keinen Ball mitgenommen, eben, um brenzlige Situationen zu vermeiden, dann fand sie garantiert einen Hund, dem sie den Ball abnehmen konnte. Und diesen Ball gab sie dann nicht mehr her. Sie gehorchte sonst aufs Wort, aber nicht bei roten Bällen...Sie war dann wie in Trance, und um an den Ball zu gelangen, musste ich ihre Schnauze regelrecht aufhebeln. Aber einen Vorteil gab es doch, mit Ball im Maul kann man andere Hunde nicht beissen...Sierra war mein erster eigener Hund, und zu Anfang machte ich jede Menge Fehler. In der ersten Zeit ertrug sie es nicht, von einem anderen Hund abgeschnuppert zu werden. Sie schrie wie am Spieß und natterte wie eine Kobra. Sie konnte auch nicht alleine bleiben. Und Sie hasste Männer mit langen dunklen Mänteln abgrundtief. Und sie ertrug den Geruch von Alkohol nicht. Sie hatte keinerlei Probleme mit Geräuschen oder Menschenmengen, fuhr problemlos Bus und Bahn, und so nahmen wir sie zwecks Gewöhnung mit auf die Studentenparties. Dort wurde die eben noch so anhänglich verschmußte Hündin hochgradig aggressiv, wenn sie einem angetrunkenen Mann begegnete...und davon gabs natürlich reichlich. Ich bin mir sehr sicher, dass schlimme Dinge geschehen wären, hätte ich sie abgeleint.
Später lernte sie mit abgewandtem Kopf an anderen Hunden, Männern mit Mantel vorbeizugehen. Sie saß brav unangeleint vor Geschäften und wartete ( damals noch möglich und normal ) Sie trampelte vor Freude mit den Vorderläufen, wenn sie Jens oder mich kommen sah und stieß dabei Laute aus, die ich nie wieder von einem anderen Hund gehört habe. Eine weitere Macke von ihr war es, Stöckchen zu zerkauen, nur ein winzig kleines Stückchen davon übrigzubehalten, das sie uns dann - und auch erschrockenen wildfremden Menschen - vor die Füße spuckte ( so klein, dass man es nicht mehr sah, aber es durfte natürlich kein anderes Stückchen Stock sein!!! ) Dann bezog sie mit abgeducktem Oberkörper Stellung, die Augen unablässig auf das Stückchen gerichtet oder, noch schlimmer, den Menschen ins Gesicht starrend. Es sah aus, als würde sie gleich angreifen, dabei ging es ausschliesslich um dieses Ministöckchen von der Grösse eines Stecknadelkopfes. Sie schwamm gerne und ausdauernd, langsam und ruhig zog sie im Grunewald oder im Jungfernheidepark ihre Bahnen, wunderschön anzusehen. Sie tolerierte allerdings nie Männer und Alkohol. Da wurde sie bis zu ihrem Tod zur Furie. Später lebte sie sogar friedlich mit Demi und Njoerd zusammen, adoptierte Demi als ihre Tochter, obwohl sie doch sonst Welpen und andere Hündinnen hasste...einmal nur prügelten sich Sierra und Demi. Es ging um einen grossen Kalbsknochen, und Demi war gerade in der Pubertät. Ich herrschte die Hündinnen an, sofort mit dem Unsinn aufzuhören, was sie nicht taten. Sonst reichte ein Blick von mir. Es war mir in diesem Augenblick egal, wer recht hatte, wen ich hätte unterstützen sollen, was mein Fehler zu welchem Zeitpunkt gewesen war. Ich war ausser mir vor Zorn, denn niemand prügelt sich gegen meinen Willen in meinem Rudel, solange ich die Chefin bin. Ich packte beide im Nacken - sie liessen immer noch nicht los - und mit der Kraft der Wut beförderte ich die zwei grossen Hündinnen höchst unsanft in das kalte dunkle Schlafzimmer, das beide hassten, da dort der Vormieter Selbstmord begangen hatte ( ich betrat den Raum auch nicht freiwillig. ) Wütend knallte ich die Tür zu, sollten sie sich doch gegenseitig totbeissen, für ungehorsame Raufer war kein Platz in meinem Rudel. Ich ging in die Küche, um mich zu beruhigen. Nach zehn Minuten ging ich zurück und öffnete die Tür. Da lagen sie aneinander geschmiegt und leckten sich das Blut aus dem Fell...mit sorgfältig gefalteten Ohren baten sie unterwürfig um Vergebung, und unser sehr entspannter und friedlicher Abendspaziergang führte uns dann zum Tierarzt, wo das geschlitze Sierraohr geklammert wurde. Sie haben sich nie wieder auch nur angeknurrt...
Wir hatten damals weder ein Auto noch ein Telefon. Wenn ich also telefonieren wollte, musste ich zur Telefonzelle. Die war in einer dunklen Seitenstrasse. Eines Abends sass Sierra zwischen meinen Füssen, meine Geldbörse lag leichtsinnig einladend auf den Telefonbüchern, derweil ich ins Gespräch mit einer Freundin vertieft selbstvergessen mit der Telefonschnur spielte - als plötzlich eine Hand über meine Schulter langte. Sierra reagierte blitzschnell, ich hörte es knacken, sah Blut spritzen und sah einen Mann schreiend wegrennen. Heute würde man die Hündin für ihre Treue wahrscheinlich auf der Stelle einziehen und einschläfern...Ich lobte sie natürlich überschwenglich. Ich war damals ja noch recht jung und naiv und leichtsinnig. Bin nachts allein durch üble Gegenden nach Hause gelaufen, fuhr in fremden Autos mit, nie kam mir der Gedanke, mir könnte etwas passieren, wenn ich nur meinem Instinkt vertraute. Es passierte auch nie etwas. Ich hatte mehr Glück als Verstand, traf stets nur auf nette Menschen. Doch eines Abends erwischte es auch mich. Ich sass wartend und lesend auf einem kalten menschenleeren U-Bahnhof in Siemsstadt, Sierra zu meinen Füßen, als drei oder vier junge Männer mich ansprachen. Zunächst fragten sie nach der nächsten Disco, dann ob ich nicht mitkommen wollte, nach meiner Telefonnummer. Als ich ablehnend reagierte, kippte die Stimmung und einer fasste mich an. Sierra knurrte und er trat nach ihr. Schlagartig wurde mir die heikle Situation bewußt. Ich war fassungslos, empört über das, was ich im ersten Augenblick nur für Übermut und Frechheit ansah - und wütend auf mich selbst ob meiner Naivität, und gleichzeitig wurde mir eisig kalt. Ich überlegte fieberhaft, wie ich heil aus der Situation herauskäme, immer noch mehr um die damals schon alte Hündin besorgt als um mich. Schreien oder in Panik geraten, hätte nichts genutzt, es war ja kein Mensch da.
Also bemühte ich mich innerlich zitternd meine Angst zu verbergen, ruhig zu bleiben und die drei Männer in ein ablenkendes Gespräch zu verwickeln: " Was habt Ihr denn noch vor zu so später Stunde, da und da müsst Ihr unbedingt mal hingehen, wo sind denn Eure Freundinnen, ach, Ihr habt keine, ist ja ein dolles Ding, kann ich mir bei euch ja gar nicht vorstellen, ja, ja, natürlich bist du ein toller Typ, aber nicht heute und nicht hier" Ich redete um mein Leben, und zunächst beruhigte sich die Situation tatsächlich. Die Männer wandten sich zum Gehen. Und ich ebenfalls. Ich wollte nur weg von dort. Und das war mein Fehler. Denn nun überlegten sie es sich anders und kamen zurück. Wozu bis zur nächsten Disko laufen und dann noch mit ungewissem Erfolg, wenn man doch an Ort und Stelle ganz sicher und leicht ein wenig Spass haben konnte. Und diesmal meinten sie es ernst. Sierra auch. Die Hündin war vollkommen ausser sich. Ich bin sicher, dass sie von den Tritten und Schlägen absolut nichts gespürt hat. Ich suchte die ganze Zeit verzweifelt mein Pfefferspray und mein kleines Taschenmesserchen, aber meine Hand zitterte so sehr, dass es mir nicht mal gelang, die Tasche zu öffnen. Was mich fürchterlich ärgerte, aber ich konnte noch Stunden später nicht mit dem Zittern aufhören. (Ich habe eine geschlagene Viertelstunde gebraucht, um zu Hause den Schlüssel ins Schloss zu stecken.) In jenen Augenblicken war mir völlig gleichgültig, was sie mit mir anstellen könnten, aber ich hatte wahnsinnige Angst, dass sie Sierra totschlagen würden. Dann glaube ich, hätte meine Hand nicht mehr gezittert...Sierra war alt und klapprig, aber da wo sie mit ihren Zahnstumpen hineinbiss, da enstanden zwar keine Löcher mehr, aber durch die ungebrochen ungeheure Kraft ihrer Kiefer mit Sicherheit üble Quetschungen. Schliesslich verliessen die Männer hastig den U-Bahnhof. Und mir war so entsetzlich kalt, dass ich noch Tage später in drei dicke Decken gehüllt erbärmlich fror. Meine treue Sierra! Ausser einem zerrissenen Lieblingsrock und dem Schrecken ist mir dank der Hündin nichts passiert.
Sie war auch eine passionierte Jägerin, aber sie jagte nur, wenn Aussicht auf Erfolg bestand ; Mäuse, die sie im Ganzen runterzuschlucken pflegte und kranke Kaninchen, alle anderen interessierten sie nicht, und ich konnte sie auch jederzeit abrufen. Eine weitere grosse Leidenschaft von Sierra war es, unermüdlich nach Maulwürfen zu graben. Prustend und knurrend biss sie dabei grosse Stücke aus der Grasnarbe heraus und schleuderte sie sich um die Ohren.
Sierra hatte schwere HD und Spondylose, und irgendwann reichten die Medikamente nicht mehr, um ihre Schmerzen zu lindern. Ihre Muskulatur verschwand an den Flanken fast ganz, ihre überbeanspruchten Voderläufe wurden von Arthrose geplagt. Sie bekam fürchterlichen Durchfall von den Medikamenten, ihre Augen wurden trübe. Eines Tages konnte sie nicht mehr aufstehen. Ihr Geist war noch völlig wach und klar...ihre Schmerzen waren grauenvoll.
Wir haben um sie getrauert wie um jedes geliebte menschliche Familienmitglied, wochenlang fühlte es sich so an, als würde uns das Herz herausgerissen und wir den Verstand verlieren. Jens litt still, ich kniete im Bad und schrie im Schmerz der Trauer. Als sie ging, nahm sie ein Stück meiner Seele mit. Wir vermissen sie noch heute. Sie ist nicht ersetzbar. Es sagte mal eine alte Frau im Grunewald zu mir: "Es gibt Menschen. Es gibt Hunde. Und dann gibt es göttliche Geschöpfe." Wenn dem so ist, dann war Sierra eines.
Wir fragen uns oft, woher sie kam, was ihre Geschichte war, was sie erlebt hat, wer kannte sie, wem gehörte sie ( sie war gut erzogen, lief ohne Schwierigkeit die Begleithundeprüfung und man konnte klar sehen, dass sie die Kommandos alle sehr genau kannte. Gleichzeitig ihre Angst und Wut vor Schlägen...), wie sie als junge Hündin aussah. Wir werden es vermutlich nie erfahren.